Aktuelle Gedichte



Barfuß
 
Dass Sommer ist weißt du schon
Asthmaluft und nasses Licht
der Regen bedeutet nichts
die Türen zum Garten
offen
Bäume hinterm Haus
vielleicht Ulmen
dazwischengeduckt Flieder
bereits verbräunt
gib mir die Hand wir gehen
barfuß
in den Juli
flüssige Luft waschblau
vielleicht
finden wir Wechselfedern
die Vögel sind wir
Tage ohne Zeit und Bewegung
die Zimmer spartanisch
Bettstuhltisch
mit Wänden vollkommen
weiß
du kannst es nicht wissen
wir selbst sind die Bilder
fängst an sie zu sehen
gib mir die Hand wir
gehen
auf die Umgebung kommt es
nicht an
der Regen bedeutet nichts
klingt bloß - wie überall
gib mir die Hand wir gehen
barfuß
in den Taschen Gedichte
begehbar.
 
Hartmut Merkt
 
 
 
 
Unterwegs
 
Stillstand im Treiben,
der Zeiger hängt irgendwo
zwischen den Stunden fest
und vor dem Abendwind
ziehst du die Haare ein.
 
Am Ende der Straße
als Fluchtpunkt
der Mond.
 
Hartmut Merkt
 
Hartmut Merkt, Unterwegs, in: " Literarischer März 5, Lyrik unserer Zeit", Lyrikanthologie,
hg. v. Fritz Deppert, Hanne F. Juritz und Karl Krolow, München: List Verlag 1987, S.114 ( ISBN 3-471-77333-9).
 
 
 
 
Für das Heute
 
Für das Heute: einen
Hutvoll Narren
ohne Pappnasen ein bisschen
Irrwitz für die jungen Pragmatiker
und kein Asyl
für entlaufene Politiker
 
Für die Köpfe aller
Kapitalisten nur
ein paar verschossene
Kugeln
eine nackte Guillotine
für die Aufsichtsräte im
Irgendwo
 
Und für die flanierenden
Denker und Billionen
auf den Geldstraßen der Welt
ein Säurebad
in Russlands vergoldeten Bädern
ab morgen.
 
Hartmut Merkt
 
 
 
 
Sichtwechsel
 
Am Wochenende sehen seine Bieraugen
die Welt neu: Den Vorzug
 
daß er Weißer ist unter Weißen
daß er Rassist ist unter Euthanasisten
daß er gewaltig ist unter Gewalttätern
 
daß er Politik macht mit Proporzpolitikern
daß er in Form ist unter Uniformierten
daß er Recht hat unter Rechten
 
daß er Japaner ist unter den Kapitalisten
daß er ein Führer ist unter den Verführten -
ein Rambo unter Rittmeistern
ein Huber unter Hitlern.
 
Das alles wird er an weiße Wände sprühen
und in Toilettenhäuschen ritzen - wenn er
seinen Alphabetisierkurs bestanden hat.
 
Hartmut Merkt
 
Aus: Hartmut Merkt, Für alle Fälle verlier ich Gedächtnis und Zweifel, Gedichte deutsch / französisch,
Schwieberdingen: Dillmann Verlag 1995, S.48 ( ISBN 3-926838-10-8).
 
 
 
 
 
Sein Land
 
Als er einschlief, erwachte
lautlos sein Land: Sein
 
Wecker starb den
Heldentod, und seine
Bücher wanderten aus.
 
Im Frühjahr
begann seine Katze zu stricken,
und seine Birken erlernten
den deutschen Gruß.
 
Der Verfassungsschutz verhörte
die runden Büsche
vor seinem Haus, und
 
im Sommer wurde
sein türkischer Maulwurf
im Garten interniert.
 
Im Herbst
erhielten die Tomaten seines
Nachbarn Parteiverbot, und
 
sein grüner
Wellensittich wurde
nach Australien deportiert.
 
Als er erwachte,
war Winter.
 
Hartmut Merkt
 
Aus: Hartmut Merkt, Für alle Fälle verlier ich Gedächtnis und Zweifel, Gedichte deutsch / französisch,
Schwieberdingen: Dillmann Verlag 1995, S.32 ( ISBN 3-926838-10-8).
 
 
 
 
 
Zukunft: kurz bemessen
 
Die immer mehr beschleunigte Welt
zwingt dich zum langsamen Gehen
zur Distanz durch Schauen und Hören
zur Langsamkeit
 
des Rinnsals das sich
ständig erneuert: ein Wort
und ein Wort und ein Wort
doch niemals Begriff
 
Du folgst den Vögeln
nicht dem Licht
das die Dinge hergeben
wenn du sie denkst
denn das Licht entführt
Buchstaben und Code: die Schlüssel
zur Natur
 
So bleiben nur die Worte
der Vögel und Blumen
für eine kurz bemessene Zukunft: Worte
die du im Schauen nicht mehr
verstehst.
Hartmut Merkt
 
 
 
 
Tampere
 
Am Ort,
wo Zeit arglos
bei den Menschen lebt,
wo Bäume und Gräser
sich vor sieben Brüdern
verneigen,
 
wo Worte
im Sprachwind erklirren,
wo keiner
dein Sprechen zertritt,
 
wo du auf Birkenzweigen
über unvergiftete Seen
balancieren,
 
auf arktischem Moos
lieben und
dein dunkles Haar
in den Wind hängen
kannst -
 
dorthin,
wo du nicht hingehörst,
wohin du
deine Geschichte mitnimmst,
 
führt
für dich kein
Weg.
 
Hartmut Merkt
 
Aus: Hartmut Merkt, Für alle Fälle verlier ich Gedächtnis und Zweifel, Gedichte deutsch / französisch,
Schwieberdingen: Dillmann Verlag 1995, S.52 ( ISBN 3-926838-10-8).
 
 
 
 
An Tagen
Für Hilde Merkt
 
An Tagen wie diesem
reist sie zurück
in ihr Gedächtnis
zu den Windjammerwegen
beim Eislaufen,
dem zischenden Geräusch
der Schlittschuhkufen,
zu den präzisen Mustern im Eis
des Monrepos.
Daß Schlitten und Schuhe längst
verschwunden sind,
spielt keine Rolle für sie,
denn mit jedem Frost
schmeckt sie jene Winter wieder
auf den Lippen.
 
Hartmut Merkt
 
Hartmut Merkt, An Tagen, in: " bis zur sanften Behauptung der Dunkelheit", Lyrikanthologie ( mit Kurzbiographien und Autorenphotos),
hg. v. Klaus Bruckinger u. Udo Kretzschmar, Flein b. Heilbronn: Schweikert Verlag 2000, S.66 ( ISBN 3-933696-04-6).